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Gute-Nacht-Geschichte für Kinder |
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Die Wasserfrau von Gerhard Hardel aus "Gute-Nacht-Geschichten" Kinderbuchverlag Berlin, 1980 |
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Eines Abends geschah folgendes:
Die Kinder standen auf dem Hof und warteten auf den Sandmann.
Da fuhr eine geschlossene, von zwei Schimmeln gezogene Kutsche vor.
Die Kinder begannen freudig zu singen: "Sandmann, lieber Sandmann." Der Beifahrer sprang vom Kutschbock und öffnete die Tür, und heraus stieg eine wunderschöne junge Frau. Die Kinder hörten eines nach dem anderen mit ihrem Gesang auf, und das kleinste von ihnen ging hin und schaute nach, ob noch jemand in der Kutsche wäre. Sie war leer. Da fragte es: "Nanu, wer bist denn du?" Und ein anderes Kind sagte: "Wir dachten nämlich, der Sandmann kommt!" Und ein drittes erklärte: "Wir warten hier auf ihn!" Da sagte die schöne junge Frau: "Guten Abend, liebe Kinder! Der Sandmann lässt sich entschuldigen. Er hat Mumps. Seit Mittag liegt er schon im Bett, hat einen dicken Schal um den Hals und leichtes Fieber. Er kann weder sprechen noch singen, und Zugluft ist für ihn ganz gefährlich. Ich bin seine Frau, die Wasserfrau, und ich werde ihn vertreten, solange er krank ist." Die Kinder waren überrascht. Endlich mal was Neues, und die Wasserfrau gefiel ihnen auf den ersten Blick. "Ist Mumps schlimm?" fragte eines. "Und du bist wirklich ganz richtig seine Frau?" fragte ein anderes. Und der freche Karl sagte freudig: "Da brauchen wir vielleicht überhaupt nicht ins Bett, wenn der Sandmann krank ist!" Er fand jubelnden Beifall, aber die Wasserfrau holte einen Beutel aus ihrer Handtasche heraus und schwenkte ihn hin und her: "Nicht ins Bett? Das könnte euch so passen. Den Sand meines Sandmanns habe ich natürlich mitgebracht!" Die Kinder erkannten den Beutel, und ihr Übermut verging. Sie sangen: "Sandmannfrau, liebe Wasserfrau, es ist noch nicht soweit. Erzähl uns erst den Abendgruß, eh jedes Kind ins Bettchen muss, erst dann ist Schlafenszeit." Die Wasserfrau sagte: "Gehen wir hinein ins Haus. Dann will ich euch als Abendgruß erzählen, wie ich die Frau des Sandmanns geworden bin." Da gingen alle Kinder friedlich ins Haus. Und in der Wohnstube erzählte sie: Vor langen, langen Jahren, ihr wart noch längst nicht auf der Welt, als das Fernsehen gerade erfunden worden war und der Sandmann noch keine große Übung darin hatte, vor den scharfen Augen der Kamera den Kindern Sand in die Augen zu streuen, geschah es einmal, dass er einem Knaben, er hieß Reginald, ich weiß es noch wie heute, aus Versehen eine zu große Portion verpasste, eine Doppelportion. Der Sandmann hatte kaum sein Lied zu Ende gesungen und war zur Tür hinausgegangen, da schlief Reginald schon. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen. Die Mutter trug ihn ins Bettchen und lachte noch darüber, aber am nächsten Morgen, als der Vater ihn wecken wollte: "Regichen! Der Kindergarten! Regichen, das Frühstück ist fertig! Reginald! Was ist denn mit dir?", da war es unmöglich, ihn wach zu bekommen. Die Eltern rüttelten ihn und schüttelten ihn, doch er stöhnte nur: "Ich bin so müde", drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Nicht ein kleines bisschen machte er die Augen auf. Dem Sandmann erzählte es die Elster. "Da hast du ja etwas angerichtet", sagte sie. "Wie kann man nur so unvorsichtig mit dem Schlafsand umgehen." Der Sandmann war mächtig erschrocken. "Oje, wie kann ich das wiedergutmachen?" klagte er und kraulte sich den Bart. "Hol die Wasserfrau", riet die Elster, "wenn die Wasserfrau ihn nicht wach bekommt, dann schafft es niemand!" Da kam der Sandmann zu mir, wir waren seit langen Zeiten schon Nachbarn, aber er kam an diesem Morgen zum ersten Mal und bat mich, zu dem kleinen Reginald zu gehen, er fuhr mich sogar mit seinem schnellen Hubschrauber hin. Ich beugte mich über das schlafende Kind und benetzte mit meinem frischesten und klarsten Quellwasser seine Augenlider. Reginald erwachte, sprang aus dem Bett und rief: "Mutti, Mutti! Wir haben verschlafen!" Er war so wach wie eine Brauseflasche. Ich habe dann den Sandmann geheiratet, denn zu jemandem, der den Kindern den Schlaf bringt, gehört auch jemand, der sie morgens wieder munter macht. |