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Walter Womacka - Farbe bekennen
Die Autobiografie:Farbe bekennenErinnerungen Verlag Das Neue Berlin erschienen im Verlag Das Neue Berlin 384 S., geb. mit Schutzumschlag mit ca. 200 Bildern, zum Teil in Farbe 19,90 Euro ISBN 3-360-01257-7 | ![]() |
In seinem Vorwort schreibt Walter Womacka im Sommer 2004:
"Am 11. Oktober 1949 kam ich von Braunschweig nach Weimar.
Die knapp 24 Jahre davor waren das Vorspiel zu einem erfüllten
Malerleben. 1988, kurz vorm Untergang der DDR, stellte ich mein Rektorenamt und
das des Vizepräsidenten im Verband Bildender Künstler zur Verfügung.
Seither befinde ich mich im Nachspiel. Die vier Jahrzehnte dazwischen sind zwar
nur die Hälfte meines Lebens, aber sie waren meine beste Zeit.
Mit dieser absoluten und ein wenig apodiktischen Feststellung mache ich mich
angreifbar, ich weiß. Selbst wenn ich einräume, daß andere, die in der DDR gelebt haben,
durchaus eine weniger freundliche Sicht auf die Vergangenheit haben, was ich ihnen
keineswegs ausreden möchte, werden mich trotzdem etliche für ein solches Bekenntnis
tadeln.
Damit kann ich leben.
Ich habe Zeitlebens Farbe bekannt. Ich bin, seit ich politisch denke, davon
überzeugt, daß soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden nicht von
einer Gesellschaft gestiftet werden können, in der das Geld der Maßstab aller Dinge ist.
Ob sich der Kapitalismus nun verschämt 'soziale Marktwirtschaft' nennt oder eine demokratische
Gewandung trägt: Es ist und bleibt die Diktatur des Großen Geldes.
Künstler - auch Maler wie ich - sind gesellschaftliche Wesen. Sie sollten,
wenn sie denn mehr sind als nur Kunsthandwerker, ein feines Gespür besitzen
für die Bewegungen in der Gesellschaft. Diese müssen sie artikulieren, sie sichtbar
machen. Solches Gespür existierte in der DDR, es ist in der Bundesrepublik noch nicht
gänzlich abhanden gekommen. Jede Kunst ist politisch - selbst die banale.
Ende Dezember 1982, der Raktenwald wuchs in Deutschland und die Kriegsangst nahm wieder zu, stellte
ich in Bonn aus. Der dortige Generalanzeiger meinte mich in seiner Ausstellungsrezension zu
treffen, als er schrieb: 'Ein Idylliker fast, dieser Womacka, ein Landschafter, der kraftvolle, satt-leuchtende
Farben liebt und nicht müde wird zu verkünden: die Welt ist schön! Ein malender und die maltechnischen
Mittel beherrschender Optimist...'
Ich bin ein optimistischer Mensch, ja. Und glaube an die Veränderbarkeit der Welt.
Sie läßt sich nicht in einem Lebensalter grundlegend umgestalten, das war
einer unserer Irrtümer. Es dauert lange. Mal geht es langsamer, mal schneller. Mal gibt
es Zäsuren wie 1789 oder 1870 oder 1917 oder 1949. Mal eilt die Hoffnung der Realität voraus, mal
nimmt man die Vision als Realität. Gleichwohl: Jeder Schritt ist ein Fortschritt,
jeder Versuch, selbst wenn er scheitert, pflanzt sich durch Impulse fort. Und darum bin ich überzeugt:
Auch die DDR trägt unablässig und noch immer zur Emanzipation dieser Gesellschaft bei.
Wir haben im Osten Deutschlands vier Jahrzehnte eine andere als die gegenwärtige
Form gesellschaftlichen Zusammenlebens praktiziert. Als Maler habe ich
diesen Vorgang in verschiedener Weise mitzugestalten versucht. Mich beherrschen
weder Trotz noch Altersstarrsinn, wenn ich erkläre: Das meiste, was ich tat, würde
ich wieder tun. Ich war nicht nur Überzeugungstäter, sondern rechne mich auch zu den
Wiederholungstätern. Zudem halte ich mich für nicht therapierbar.
In meinem Alter, da die Jahre endlich sind und das weiße Haar einen schützt, muß man kein Blatt vor den
Mund nehmen. Ich muß der vorherrschenden Meinung nicht folgen:
Anpassung, die immer auch Folge von existentieller Angst ist, kennt man
in dieser Lebensphase nicht. Hier herrscht tatsächlich Freiheit. Sie befällt
bekanntlich auch scheidende oder bereits ausgeschiedene Politiker.
Sie werden, bar ihres Amtes, plötzlich von Weisheit heimgesucht, die bis dato stets
einen Bogen um sie zu schlagen schien.
Und weil es so ist, kann ich sagen: Ich war in der Welt zu Hause, in der DDR
aber war ich daheim. Und darum werde ich sie trotz ihrer Unzulänglichkeit und
ihrer Fehler immer verteidigen. Vielleicht wird mir das der eine oder andere
als Sentiment auslegen, als letzte Zuckung eines Ewiggestrigen. Er täuscht
sich. Altern macht nicht dumm, sondern weise. Das tritt nicht automatisch ein.
Und zuweilen sind Erinnerungen auch nur Selbstbetrug, die nicht dadurch besser werden,
daß man sie in Büchern und Blättern verbreitet und ihnen Zeitgenossen,
die es besser wissen sollten, applaudieren. Aber meist haben die Alten recht.
Vielleicht fürchten sich auch deshalb einige vor meinesgleichen. Selbstvertrauen
bei den einen pflegt immer den Selbstzweifel bei anderen zu nähren.
Das kann bisweilen durchaus nützlich sein."