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Gute-Nacht-Geschichte für Kinder |
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Simon sucht die Sonne von Klaus Beuchler aus "Gute-Nacht-Geschichten" Kinderbuchverlag Berlin, 1980 |
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Simon ist ein kleiner Junge mit roten Haaren und dreißig Sommersprossen.
Die Sommersprossen hat ihm die Sonne auf die Nase und die Stirn getupft.
Jeden Tag gibt die Sonne im Vorübergehen von ihren Strahlen eine Sprosse ab.
Denn es ist Sommer. Und die Sonne spaziert über den klaren Himmel wie auf einer
blankgeputzten Straße, von Ost nach West, jeden Tag auf gleichem Weg. Am frühen Morgen blickt Simon der Sonne entgegen. Am späten Abend blickt Simon der Sonne nach. Wohin geht die Sonne? Simon möchte das brennend gern wissen. Aber niemand kann es ihm sagen - der Vater nicht, die Mutter nicht, auch nicht die Oma. "Die Sonne geht unter", ist für Simon keine Antwort. Was untergeht, kann nicht wieder aufstehen. Aber jeden Morgen ist die Sonne da, blinzelt durchs Fenster, gibt Simon von ihren Strahlen eine Sprosse ab, spaziert durchs weite Tal, streicht dem Waldrücken über den Buckel und verschwindet. Danach schickt sie den Mond zur Wachablösung. Was aber macht die Sonne in ihren freien Stunden? Simon ist ein Entdecker. Im Teich hinter dem Haus hat er schon einmal einen Feuersalamander gesehen. Im Heu der Scheune fand er die verlegten Eier der Henne Dora. Außerdem weiß Simon, dass in der hohlen Weide nicht der Waldgeist, sondern die Schleiereule haust. Simon wird auch hinter das Geheimnis der Sonne kommen. Und so zieht Simon eines Abends los, den Feldweg entlang, dem Wald entgegen, über dem die Sonne gerade ihren letzten Schnaufer macht, rot vor Anstrengung nach langem Tagesmarsch. Es ist ganz still ringsum. Alle Welt scheint den Atem anzuhalten angesichts der müden, dicken, roten Sonne, die auf dem Bergbuckel hockt, als könnte sie nicht mehr weiter. Ein Hase im Klee macht runde Augen vor Staunen. Auf der Weide blökt die Kuh Hermine vor Verwunderung. Die letzte Lerche lässt sich schweigend vom Himmel fallen, ins feuchte Gras. Die Sonne zieht die Strahlen ein und putzt sich blank. Sie schimmert jetzt wie eine reife Tomate und ist zum Anfassen nah. Wenn Simon sicht beeilt, wird er heute hinter ihr Geheimnis kommen. Das ist ganz klar. Simon nimmt die Beine in die Hand. Hopp, ist er im Wald. Er läuft durch die schwarzen Tannen, den Hügel hinauf. Verschlafen gurrt eine Wildtaube. Noch zwanzig Meter, dann hast du es geschafft, sagt sich der kleine Simon. Damit besieht er seine Angst im dunklen Forst. Und schon wird es hell. Ein roter Schimmer zwischen den Bäumen. Das muss die Sonne sein. Aber war sie nicht rund, die dicke Sonne? Was da auf der Wiese hinter dem Wald steht, ist jedoch viereckig, festgefügt, solid mit Dach und Fenstern - und sieht aus wie ein Haus. Es ist ein Haus. Und in der Tür des Hauses steht ein dicker freundlicher Mann. Er ist rot im Gesicht, wie eben die Sonne. "Ich suche die Sonne", ruft Simon enttäuscht. "Du stehst davor", sagt der dicke freundliche Mann. Er zeigt auf ein Schild über der Tür: "Gasthaus zur Sonne". Simon steht wie festgenagelt. "Die Sonne ist dort drin?" fragt er fassungslos. Der dicke Mann schüttelt den Kopf. "Nicht mehr. Die Sonne ist nur eingekehrt und weitergezogen. Das macht sie jeden Abend. Dann verschwindet sie hinter dem Horizont." Der dicke freundliche Mann nimmt Simon an die Hand. Er geht durch den Flur mit ihm, auf eine Balustrade hinaus. Er zeigt über ein weites Tal zum Himmelsrand, wo ein letzter Funke stiebt. Oder ist es schon der erste Abendstern? "Und was macht die Sonne hinter dem fernen Horizont, eh?" schreit Simon entrüstet. "Sie arbeitet", sagt der dicke freundliche Mann und wird auf einmal ganz ernst. "Tagaus, tagein scheint die Sonne. Denn auch hinter dem Horizont leben Simons wie du, tausend, Millionen kleine Simons, denen sie von ihren Strahlen ebenfalls eine Sprosse abzugeben hat. Doch nun komm, kleiner Simon, stärke dich wie die Sonne, ehe ich dich nach Hause bringe." Mitten auf dem Tisch, in der Gaststube, steht ein Glas mit Goldrand. Der Goldrand blitzt und funkelt. Hat die Sonne vielleicht aus diesem Glas genippt? Simon kommt es ganz so vor, als er den süßen Traubensaft trinkt. Und mit einem Mal fühlt er sich der Sonne nahe, so fern sie in diesem Moment auch sein mag. |