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Gute-Nacht-Geschichte für Kinder |
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Der Nachtwibel von Erich Köhler Als ich klein war, sagte Großmutter immer: "Spiele abends nicht zu lange auf der Gasse, sonst kommt der Nachtwibel." "Großmutter, wie sieht er denn aus?" "Das wirst du dann schon sehen, Kind." Ihr könnt mir glauben, dass ich danach wenig Lust hatte, dem Nachtwibel zu begegnen. Aber einmal erwischte er mich doch. Ich hatte mich beim Spielen verspätet. Es war dunkel geworden. Im Treppenhaus brannte kein Licht. Da zwickte und zwackte mich der Nachtwibel in die Beine. Ich stolperte die Treppen hinauf und trommelte wie rasend an unsere Tür. Zum Glück wurde mir gleich aufgemacht. Ich drückte mich an Großmutter vorüber in die Wohnung. "Aha, aha!" sagte die Großmutter. Als ich mich wusch und mir die Zähne putzte, hatte ich den Nachtwibel vergessen. Aber kaum hatte mir Großmutter gute Nacht gesagt, kam er unter meinem Bett hervor und plusterte lautlos sein Gefieder. Es war ein ungeheuer großer, kohlschwarzer Ganter, so groß, dass er beinahe das ganze Zimmer ausfüllte. "Ich bin mit durch die Tür gewischt", kicherte er. "Wenn ich will, kann ich mich nämlich ganz klein machen. Du wirst mich nicht los, ehe du mich kennengelernt hast. Komm mit, wir fliegen zum Fenster hinaus." Er hocke sich auf mein Bett und kuschelte mich in seinen pechschwarzen Federflaum. Hinaus ging es mit mir, ob ich wollte oder nicht. Ich war aber nicht mehr ängstlich, denn der Nachtwibel hatte sternblaue Augen. Wir schwebten über Stadt und Land. Bald kamen wir an einem großen Gebäude mit hell erleuchteten Sälen vorüber. Darinnen arbeiteten viele Menschen. "Dort steht ja meine Mutter", rief ich. "Ja", sagte der Wibel, "die macht hier oft Nachtschicht." "Warum tut sie denn das?" fragte ich. "Weil sie in dieser Fabrik teure Maschinen haben", schnatterte der nachtschwarze Ganter. "Teure Maschinen machen den Menschen entweder ärmer oder reicher, ärmer, wenn solche Maschinen über Nacht stillstehen und reicher, wenn er sie auch um diese Zeit für sich arbeiten lässt." "Ach, so ist das", sagte ich und verzieh meiner Mutter im Stillen, dass sie mich in der Nacht so oft allein ließ. "Kannst du mir auch meinen Vater zeigen?" "Jetzt nicht", sagte der Nachtwibel. "Der fährt auf einem großen Schiff. Wo das Schiff fährt, ist jetzt heller Tag, der blendet meine Augen. Siehst du den Streifen in der Ferne?" "Ja, den sehe ich." "Das ist die Morgendämmerung. Dort ist meine Grenze." Damit kurvte der Nachtwibel mit mir in weitem Bogen zurück. "Kommst du dort niemals hin?" "Doch, doch", versicherte der Wibel, "aber dazu muss ich erst um die halbe Erde kreisen. Das dauert zwölf Stunden. Dann ist es auch dort dunkel. Zuvor will ich dich aber wieder nach Hause bringen." Er landete mit seinen breiten Gänsepfoten ganz sachte auf meinem Bett. "Grüße bitte meinen Vater", rief ich. "Kommst du mal wieder vorbei?" "Sooft du willst", antwortete er, "aber jetzt muss ich weiter." Beim Frühstück sagte ich: "Ich habe den Nachtwibel gesehen." "Ach, du Dummerchen", rief Großmutter, "den gibt es ja gar nicht." Na, ich wusste es besser. |