Gute-Nacht-Geschichte für Kinder


Vom Matthias, der gar nicht müde ist
von
Karl Mundstock

Er nuckelt am Daumen und reibt sich die Äuglein, denn der Sandmann hat seinen Sand schon gestreut. Aber müde ist Matthias nicht. Nein, er wirft all sein Spielzeug aus der Kiste und kommt mit dem neuen Steckbaukasten.
"Einen Kipper bauen, Opa, ja."
"Schluss!" befiehlt Opa. "Feierabend! Räum deinen Kram ein und zieh dich aus, marsch! Du, wenn ich dir die Hose runterziehen muss, gibt's einen Klaps auf den Popo!"
Dreimal hat Matthias gute Nacht gewünscht, zweimal ist er pullern gegangen und hat zwei Tropfen herausgequetscht, eine Banane hat er noch gegessen und Saft getrunken, endlich liegt er im Bett. Zehn Minuten, dann geht es im Kinderzimmer tapp, tapp, tapp, die Klinke klinkt.
"Wann gehen wir zum Karussell?" fragt Matthias.
Opa schimpft, Mama schimpft. Onkel Claus schimpft nicht. Er nimmt den Neffen mit seiner großen Schlosserhand am Genick und trägt ihn zum Bett.
"Gleich gehn wir zum Karussell. Aber erst erzähl ich dir die Geschichte von kleinen Jungen, der nie schlafen gehen wollte." Und Onkel Claus beginnt: "Es war einmal ein kleiner Matthias..."

Hei, war das ein Vergnügen! So viele bunte Lampen! Was sich da alles drehte und schaukelte und herumsauste! Das Kinderkarussell und die Kinderschaukel schliefen still und dunkel in dem Lärm.
"Macht nichts, du wolltest ja immer auf dem Karussell für große Leute fahren", tröstete Onkel Claus. Schon war Matthias von der Schlosserhand in eine Gondel gehoben und sauste und trieselte immer schneller im Kreis und auf und ab, dass die bunten Lampen zu Feuerkreisen wurden und ihm angst und bange war.
"Nimm mich herunter, Onkel Claus!" schrie er.
"Warum?" fragte der Onkel. "Du kannst doch nie genug kriegen." Er nahm ihn aber herunter und ging mit ihm durch die vielen großen Leute zur Luftschaukel.
"Ich will nicht schaukeln!" schrie Matthias. Aber schon saß er in dem großen Schaukelkahn und flug hinauf zu dem großen gelben Haken, dem Sichelmond. "Wir bleiben hängen, Onkel, und kommen nie mehr runter!" weinte er.
Aber Onkel Claus lachte: "Wer wollte denn immer in die große Luftschaukel?"
"Ich will ja wieder in die Kinderschaukel, ich bin auch nicht mehr zu groß für sie", beuterte Matthias.
Der Onkel bremste die Schaukel ab.
"Nun zum Kettenkarussell", befahl er. Matthias sträubten sich die Haare, er wurde grün und bleich und zitterte am ganzen Kröper. "Was denn, willst du etwa nicht?" fragte der Onkel. "Die wolltest doch immer."
Ach, die Knie wackelten dem Matthias, die Füße wurden schwerer und schwerer, der Kopf sank ihm immerfort vornüber.
"Nimm mich auf die Schultern, Onkel Claus", bettelte er.
"Warum?" fragte der Onkel. "Du bist doch gar nicht müde. Hast du nicht geprahlt, du könntest noch Karussel fahren und buddeln und im Park die Enten füttern gehn? - Ksch! Ksch! Ksch! Wach auf, verschlafenes Federvieh! Der große muntre Matthias ist mit Kuchenkrümeln da!"
Das gab ein Geschnatter und Gewatschel! Keine einzige Ente nahm eine Krume auf. Alle flatterten, flügelschlagend auseinander. Matthias lag auf dem Rasen, hatte den Daumen im Mund und schlief. In weiter Ferne hört er den Onkel rufen: "He! Aufgestanden! Es geht weiter zum Buddelplatz!"
Die derbe Schlosserfaust packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn: Aber das regte Matthias nicht mehr auf. Tief im Traum schluchzte er: "Ich will nicht buddeln gehn, ich will nach Hause in mein Bettchen!" So schwer sind die Beine! Noch schwerer ist der Kopf! Und der Park so groß, die Straße so lang, das Bett so weit weg! Was zupft ihn denn da am Ohr? Das ist die dicke schwarze Krähe vom Dach gegenüber: "Krah, krah, krah, ist der Rumtreiber wieder da?"
"Hört euch das an", brummte Onkel Claus und zog dem Neffen die Bettdecke über die freigestrampelten Füße. "Der Bengel schnarcht wie ein Alter."

Bis heute weiß Matthias nicht, hat er den nächstlichen Ausflug wirklich erlebt, oder hat er ihn geträumt, nach der Geschichte, die ihm Onkel Claus erzählt hat.

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copyright by ingrid bischur . zuletzt bearbeitet im September 2006