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Gute-Nacht-Geschichte für Kinder |
von
Heidi Wendland
aus
"Gute-Nacht-Geschichten"
Kinderbuchverlag Berlin, 1980
| In der Abstellkammer steht ein verschnörkelter alter Schrank.
Susi kann hineinkriechen und darin wohnen, wenn sie will.
So groß ist er. Der Schrank birgt viele Kostbarkeiten.
Ein Säckchen mit Knöpfen, den neuen Gartenschirm,
Susis allererste rosa Samtstiefelchen und ein altes Radio,
an dem man drehen und schrauben darf, soviel man will.
Vor allem aber den Hut. Er ist aus feinem maisgelben Stroh geflochten,
und auf seiner Krempe glänzt ein Strauß roter Lackkirschen.
Ein langer weißer Bindeschleier gehört dazu, zart zum Durchblasen.
Susi spaziert mit dem Hut auf dem Kopf durch alle Zimmer. Mitten in der Küche stolpert sie über den langen Schleier. Sie wirft den Hut auf den Küchentisch und reibt sich den Ellbogen. "Olles Ding!" Da hebt der Hut die Krempe. Und als Susi genau hinschaut, hat der Hut ein Gesicht! Susi vergisst, guten Tag zu sagen, und bohrt vor Aufregung in der Nase. Der Hut übersieht es. "Zwar feiere ich in Kürze meinen hundertsten Geburtstag", sagt er, "aber diese faden Kopfbedecker von heute sind für mich dennoch keine Wettbewerbsgegner. Ich bin nämlich…", der Hut macht eine eindrucksvolle Pause, "… der Traumhut deiner Urgroßmutter." Und hopp, stellt er sich auf die Kante seiner Krempe und beginnt, sich wie ein Kreisel zu drehen. Die roten Kirschen schlagen aneinander und klimpern eine Melodie dazu. Der weiße Schleier ringelt sich wie ein Tanzband. Susi klatscht begeistert den Takt. "Schneller! Viel schneller!" Der Hut wirbelt ausgelassen über den Tisch. Achtung, die Blumenvase! Schon ist sie umgerissen. Auf dem Küchentisch staut sich das Wasser zu einem kleinen See. "Wenn das Mutti sieht!" "Keine Angst, wir setzen die Segel und fahren über das Meer davon!" Schwupp, geht der Hut kopfüber ins Wasser. "Ich bin doch viel zu groß für dich!" "Nicht, wenn du klein sein willst!" Und ob Susi will! Sie duckt sich und denkt sich kleiner, immer kleiner. Anstrengend ist das! Aber sie schafft es. Sie setzt sich in den Hut, dicht an die Krampe. Die Pfütze auf dem Tisch ist ein Meer ohne Ufer. Der Schleier bläht sich auf zu einem leuchtenden Segel und trägt das Schiff davon. "Wohin fahren wir?" "Nun, vielleicht nach Indien, dem Kaiser beim Regieren zuschauen." "So ein Unsinn! In Indien regiert die Frau Gandhi. Das weiß ich von meinem Vati. Außerdem ist das viel zu weit. Weißt du was, wir segeln lieber nach Leningrad. In den fünfundneunzigsten Kindergarten zu unserer Patengruppe." "Den Namen einer solchen Stadt habe ich noch nie gehört!" "Nein? Überhaupt nicht?" Susi fühlt sich plötzlich wieder groß werden. Viel zu groß für das Hutschiff. Sie geht und holt einen Lappen für den Tisch. "Sei nicht traurig", tröstet der Hut. "Mir ist schon etwas viel Besseres eingefallen. Komm, spring auf!" Und schon hebt er sich wie ein Zauberteppich in die Luft. Susi macht sich klein. So schnell sie kann. Dann klettert sie auf die Hutkrempe und setzt sich mitten in die Kirschen. Wie weiße Wattewölkchen schwebt der Schleier um den fliegenden Hut. Ganz fern leuchtet die Küchenlampe, wie die runde Scheibe des Vollmondes. "Wir fliegen zum Mond und bringen dem mann, der dort wohnt, ein Stück Zucker für sein Kälbchen." "Nein!" schreit Susi. "Nein, hat an! Ich habe doch keinen Raumanzug. Und ohne Schutzhelm kann man auf dem Mond nicht atmen." Der Hut fängt vor Schreck an zu trudeln. Ziellos fliegt er kreuz und quer. Er stößt an den Wecker, der bimmelt los, und der Hut landet schief auf dem Pfeifkessel, der auf dem Gasherd steht, wo er ja hingehört. Susi stellt das Läutwerk des Weckers ab. "Du bist mir einer!" sagt sie zu dem Hut. "Ein Mann und ein Kalb auf dem Mond, wo es nur Steine gibt und sonst nichts!" Hoffnungslos traurig lässt der Hut Krempe und Bindeschleier hängen. Sogar die roten Kirschen haben von ihrem Lackglanz verloren. "Verzeih mir!" spricht er. "Ich sehe schon, ich bin zu nichts, zu rein gar nichts mehr nütze." "Ach, du Dummer!" Susi hebt den Hut vom Pfeifkessel und setzt ihn sich auf. "Sieh nur, wie gut du mich kleidest!" Und leise klimpern die Kirschen, und der Schleier weht hinter Susi, wie sie durch den Korridor davonschreitet. |