Der Baum
von Günter Hesse
Neun mal neun Jahre alt ist Opa Paul. Jeden Tag sitzt er ein Weilchen
auf einer Rundbank unter einem Nussbaum, dessen Rinde fast so aussieht wie
Opa Pauls Gesicht. Nur fehlen dem Baum die schönen hellen Augen.
Während des Sommers trägt der alte Mann ein offenes, weiches, kariertes Hemd und im Winter
eine dicke Joppe und eine Schiffermütze.
Im Herbst, wenn die Nüsse reifen, sitzt Opa Paul bereits am Vormittag auf der Bank.
Zur Mittagszeit packt er ein paar Brote aus. Dann sammelt er die Nüsse auf, und
am Nachmittag verteilt er sie unter die spielenden Kinder.
Der Baum steht in der Mitte eine großen Platzes, der von vielen neuen Häusern
umstellt ist. Überall grünt es, die Sträucher blühen in vielen Farben.
Der Nussbaum ist jedoch weit und breit der einzige Baum zwischen den Häusern.
In diesem Stadtteil leben viele Kinder. Es gefällt ihnen gar nicht, dass Opa Paul
stets unter dem Baum sitzt. Zu gern würden sie in die Zweige des Baumes klettern
oder mit Stöcken und Steinen nach den Nüssen werfen. Dazu gehört auch Carsten.
Er ist erst einmal neun Jahre alt.
Eines Tages fasst sich Carsten nach langem Warten ein Herz und setzt sich zu Opa
Paul auf die Bank.
Beide betrachten sich lange und schweigen.
"Willst wohl auf den Baum?" fragt Opa Paul.
Carsten nickt und kann sich nicht erklären, wie der Alte das erraten hat.
"Da soll ich wohl gehen?" fragt Opa Paul.
Carsten springt auf vor Staunen. Kann er Gedanken lesen? fragt sich Carsten.
"Wie willst du hinaufkommen? Selbst die untersten Äste sind zu hoch. Auch die
Bank ist zu niedrig", sagt Opa Paul. "Du wirst es nur schaffen, wenn du Mut hast
und mir auf die Schultern steigst."
"Würdest du mir denn helfen wollen?" bittet Carsten.
"Einmal schon. Steig mir auf den Buckel."
Carsten packt den untersten Ast und erklimmt den Nussbaum.
"Nicht so hoch", mahnt Opa Paul. "Die dünnen Äste tragen dich nicht. Komm
etwas herunter. Ich will dir von ihm erzählen."
Carsten klettert herab und lässt die Beine baumeln. Opa Paul lehnt sich an den
riesigen Stamm.
"Wir sind wie Brüder, der Baum und ich. Als ich so groß war wie du, habe ich ihn
gepflanzt, ihm einen starken Pfahl als Stütze und seinen Wurzeln Wasser gegeben.
Auch wenn die Sommer sehr trocken waren, habe ich ihn gegossen. Es hat ihm gutgetan.
Er ist groß und stark geworden. Im Sommer spendet er Schatten und im Herbst die
Nüsse. Nirgends gibt es so köstliche Nüsse auf der Welt. Heute pflanzen die Kinder
keine Bäume. Sie verletzen sie nur. Und der Baum kann sich nicht wehren. Darum
sitze ich bei ihm, und wenn wir allein sind, spreche ich mit ihm."
Carsten sprang vom Baum herab und lief grußlos davon.
Etliche Tage später näherte er sich wieder langsam dem Baum mit der Bank rundum.
In der einen Hand trug Carsten einen Spaten, in der anderen ein Bäumchen, nicht
größer als Carsten selbst.
"Hilfst du mir noch einmal?" bat er.
Opa Paul strich dem Jungen über das Haar. Dann gruben sie gemeinsam ein Pflanzloch.
Als der junge Baum zu Mittag im Schatten des alten Nussbaumes stand und das
erste Wasser von Carsten bekam, saß Opa Paul auf der Bank und lächelte. Jetzt waren
sie plötzlich vier Brüder geworden.
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